Wissenschaftlicher Artikel
tumori

Chirurgisches Management von Wirbelsäulentumoren

Auf Grundlage des Vortrags Bukarest 2023 — Klassifikation, Staging, Total En-bloc Spondylektomie (TES) als Goldstandard und Wirbelsäulenrekonstruktion.

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Übersicht

Wirbelsäulentumoren stellen 2–4 % aller malignen Knochentumoren und 40–60 % aller Knochenmetastasen dar. Die chirurgische Behandlung erfordert eine sorgfältige Planung, präzise Klassifikation und exakte technische Ausführung.

Dieser Beitrag basiert auf dem Vortrag „Surgical management of spine tumors" (Bukarest, Oktober 2023) und fasst die aktuelle Erfahrung mit über 70 operativ versorgten Tumorfällen zusammen.

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Klassifikation

Benigne Tumoren

  • Osteoblastom
  • Osteoidosteom
  • Osteochondrom
  • Eosinophiles Granulom
  • Aneurysmatische Knochenzyste

Semimaligne Tumoren

  • Riesenzelltumor (giant cell tumor)

Maligne Tumoren

  • Osteosarkom
  • Chondrosarkom
  • Ewing-Sarkom
  • Lymphom / Plasmozytom
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Staging-Systeme

Enneking-Staging (1980) — ursprünglich für Extremitätentumoren entwickelt, später auf die Wirbelsäule übertragen. Benigne Tumoren werden in S1 (latent), S2 (aktiv) und S3 (aggressiv) unterteilt.

Weinstein-Boriani-Biagini (WBB, 1991) — der Wirbelkörper wird in 12 Quadranten und 5 Ringe (von paravertebral bis dural) unterteilt. Dieses System ermöglicht eine standardisierte Beschreibung der Tumorausdehnung und Operationsplanung.

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Operationsindikation

  • Schmerz — therapieresistent
  • Vorhandensein oder Risiko einer neurologischen Verschlechterung
  • Instabilität oder Deformität
  • Kurative Resektion bei solitären Tumoren
  • Diagnose bei unbekannten Tumoren (Biopsie obligatorisch)

Operationsplanung muss berücksichtigen: Tumorentität (primär/metastatisch), Lokalisation (Wirbelkörper / hintere Strukturen / Staging), Beteiligung vaskulärer und benachbarter Strukturen, Rückenmarkkompression sowie das Ziel (kurativ vs. palliativ).

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Resektionsverfahren — Intraläsional vs. En-bloc

Intraläsionale Resektion — schrittweise Tumorentfernung mit Verletzung der Tumorkapsel. Indikation: metastatische Tumoren, einige benigne Tumoren. Höheres Rezidivrisiko.

En-bloc-Resektion — komplette Entfernung des Tumors ohne Verletzung der Kapsel. Indikation: primäre maligne und lokal aggressive Tumoren. Geringeres Rezidivrisiko.

Total En-bloc Spondylektomie (TES) — Goldstandard in der Wirbelsäulentumorchirurgie.

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Rekonstruktion der Wirbelsäule

Nach En-bloc-Vertebrektomie muss die mechanische Stabilität langfristig gewährleistet sein. Im Gegensatz zur Frakturversorgung (hintere Strukturen erhalten) sind nach Vertebrektomie alle Stabilisatoren entfernt — Scher- und Rotationskräfte werden zur Hauptbelastung.

Lösungsstrategien:

  • Cross-link-Konnektor mit fester Winkel-Konfiguration
  • Anteriore Platte zusätzlich zur posterioren Instrumentation
  • Anteriores Cage + posteriore Instrumentation kombiniert
  • Spätere autologe Knochentransplantation bei Langzeit-Überlebenden ohne Rezidiv (Beckenkamm)

Langzeit-Follow-ups (bis 12 Jahre nach En-bloc-Resektion L3 bei 8-Jährigem) zeigen, dass eine sorgfältige Rekonstruktionsstrategie auch Wachstumsphasen tolerieren kann.

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Klinische Serie — 24 TES-Fälle (Frankfurt 2017)

Vortrag „Total En-bloc Spondylectomy: A Review of 24 Consecutive Cases" (I. Branea, M. Ruf, G. Ostrowski, E. Salman, T. Pitzen) — Kongress der Deutschen Wirbelsäulenchirurgischen Gesellschaft, Frankfurt 2017.

  • 24 Fälle TES zwischen 6/2011 – 6/2014, 5 Operateure
  • Lokalisation: zervikal 6, thorakal 14, lumbar 4
  • Tumortyp: 9 maligne / 7 benigne / 8 Metastasen
  • OP-Zeit: 3,75 – 11,5 Stunden (Ø 7,5 h)
  • Krankenhausaufenthalt: Ø 25 Tage
  • Blutverlust: Ø 2820 ml
  • Überleben: 96 % nach 6 Monaten, 92 % nach 36 Monaten
  • Komplikationsrate: 46 %
  • Autologe Knochentransplantation 6–12 Monate nach Tumorresektion (13 Fälle)
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Komplikationsstudie — 70 Patienten (Paris 2021)

„Intraoperative Blood Loss is Significantly Associated with Early Complications in Cervical Spine Tumor Surgery" (I.-L. Tiripa, U. Heiler, I. Branea, M. Ruf, T. Pitzen) — Cervical Spine Research Society, Paris 2021.

  • 70 Patienten operiert 01/2011 – 12/2018
  • Mittleres Alter: 56,9 Jahre, 37 weiblich
  • 16 benigne / 54 maligne Tumoren
  • Frühpostoperative Komplikationsrate: 65,8 %
  • Top-5-Komplikationen: Akute Anämie (27,1 %), Hypokaliämie (21,4 %), Hyponatriämie (18,6 %), Parese (8,6 %), Toxische Hepatitis (8,6 %)
  • Verletzung der A. vertebralis: 1,3 %
  • Duralsacklesion: 2,6 %
  • Mortalität in den ersten 2 Wochen postop: 2,6 %

Blutverlust mit Komplikationen: Ø 933 ml vs. ohne: Ø 364 ml (p < 0.001). Blutverlust ist das Problem.

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Aktuelles Konzept

Schritt 1: Stabilisierung mit anteriorem Spacer und posteriorer Instrumentation entsprechend den mechanischen Anforderungen. Vorteil: gute Visualisierung potentieller Rezidive.

Schritt 2: Addition eines autologen Knochengrafts bei Langzeit-Überlebenden ohne Rezidiv für langfristige Stabilität.

Erfolgreiche radikale Tumorresektion erfordert

  • Stabile primäre Instrumentation (anteriorer Support, posteriore Instrumentation — Scher- und Rotationskräfte beachten)
  • Akribische OP-Planung (Thorax-/Gefäßchirurg, gestaffelte Eingriffe)
  • Antizipation: Narbengewebe, Strahlentherapie-Adhäsionen, osteoporotischer Knochen (Stress-Shielding), ausgedehnte Knochendefekte
  • Gründliches präoperatives Workup (inklusive interventioneller Radiologie)
  • Erfahrene Anästhesie und Intensivstation

Radikale Resektion von Wirbelsäulentumoren ist mit langer OP-Dauer, massivem Blutverlust, hoher Komplikations-/Revisionsrate und langem Krankenhausaufenthalt assoziiert — aber nicht mit perioperativer Mortalität. Sie erfordert ein Zentrum mit solider Erfahrung in Tumorchirurgie und Komplikationsmanagement.

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